Pleiten, Selbstmitleid, Selbstzerfleischung – die Zeitungsbranche dreht sich in der Krise um sich selbst und in den Unternehmen staut sich Frust. Es ist höchste Zeit, dagegen anzuschreiben. Einmal wenigstens. Therapeutisch.
Es reicht. Ich habe genug vom Untergang. Print stirbt, heißt es oft, aber es geht nicht ums Papier, ums Drucken, sondern um mehr: Es geht um die freie Presse. Zu der gehören mehr denn je Internetangebote, Tablet-Zeitungen und Mobilportale, auch wenn Frank Schirrmacher daran vielleicht nicht glaubt. Das Zeitung-gegen-Online-Längenmessen nervt nur noch. Für mich impliziert „Zeitung“ längst alle Kanäle und Produkte einer ursprünglichen Print-Marke, nicht nur die gedruckte Version. Die FAZ ist auch faz.net, die gedruckte Frankfurter Rundschau ist auch die auf dem Tablet. Die Krokodilstränen nach jeder Pleite habe ich ebenso satt wie die Selbstzerfleischung, die Besserwisserei, die Häme und die Selbstgerechtigkeit, von der einige Blender sogar leben können. So schlecht kann’s uns ja nicht gehen, wenn für diese Scharmützel noch Zeit ist. Diese Krise hat auch so genügend Dimensionen.
1. Die eigene Nase
Es wird in diesen Tagen manchmal vergessen, und deshalb dies zuerst: In unseren Häusern arbeiten Tausende leidenschaftliche, engagierte, talentierte Menschen, egal ob Print oder Online, ob Redaktion oder Vermarktung. Sie liefern Produkte ab, die ihr Geld wert sind. Ohne die Reporter des „Kölner Stadt-Anzeiger“ hätte weder von den Zuständen in der Pathologie der Uni-Klinik noch vom Maulkorb für die Opernintendantin jemand etwas erfahren – und vom Kerosin-See von Shell in Wesseling deutlich weniger.
Dennoch, ja: Es gibt Journalisten und Manager, die mit der dramatischen Veränderung nichts anfangen können, Angst davor haben, sich ausklinken. Es gibt Zeitungen, denen man auf jeder Seite ansieht, wie wenig Mühe, Sorgfalt und Leidenschaft dahinter stecken. Es gibt Vertreter unserer Zunft, die das Wort “Qualitätsjournalismus” immer noch über tendenziöses, schlecht geschriebenes, irrelevantes und mies recherchiertes Mittelmaß tünchen. Wenn das alles wäre, was es zu sagen gibt über die Medienhäuser, dann sollen sie untergehen und wir Hinterbliebenen suchen Zuflucht bei den Öffentlich-Rechtlichen oder in der PR. Aber das ist nicht alles!
2. Die Kunden
Manche Kritik an Zeitungen ist nur noch absurd. Am Tag der Wiederwahl Barack Obamas bekam ich eine E-Mail von einem wütenden Leser. Es sei nicht hinnehmbar, schrieb der Abonnent, dass es zu diesem historischen Ereignis im Blatt nichts Aktuelles gebe – „Redaktionsschluss hin oder her“. Unsere Zeitung wird bis spätestens 6:30 Uhr ausgeliefert, die Wahl Obamas hatte am selben Morgen um 5:19 Uhr festgestanden. So skurril der Einzelfall ist, so symptomatisch scheint die Haltung „Redaktionsschluss hin oder her“: Was soll man mit Redakteuren anfangen, die es nicht schaffen, in 71 Minuten eine Zeitungsauflage umzuschreiben, zu drucken, auszufahren und in 200.000 Briefkästen zu stecken?
Im Digitalen gibt’s ähnliche Erlebnisse. Im November 2010 hat der „Kölner Stadt-Anzeiger“ als erste deutsche Regionalzeitung eine echt multimediale iPad-Version auf den Markt gebracht. Auf einem Spezialportal für Apple-Fans stand kurz darauf eine hymnische Besprechung. Usability, Storytelling, Content – alles wurde gelobt. Nur einen Haken erwähnten die Autoren gleich dreimal: den gewaltigen Preis von 79 Cent pro Ausgabe. 79 Cent!
Eine dritte, immer wiederkehrende Beschwerde: Meinungsterror. Angeblich sind alle Journalisten viel zu links. Außer denen, die viel zu rechts sind. Je nachdem, wen Sie fragen, gilt beides gleichermaßen sogar für dieselbe Zeitung. Zum Beispiel in Stuttgart. Wenn der Kommentator zum Bau eines Bahnhofs eine andere Haltung vertritt, wird vom andersdenkenden Wutbürger sofort das Abo gekündigt. Vielleicht ist die Krise der Zeitungen ja auch eine Krise des Pluralismus? Dass man in einer Metropole eine Zeitung mit sechsstelliger Auflage nur machen kann, wenn man verschiedene Meinungen zu Wort kommen lässt und sowohl Redakteure als auch Leser aushalten müssen, sich nicht immer darin wiederzufinden, ist doch nachvollziehbar. Oder?
3. Das Internet
Das Internet ist an allem schuld! Die digitale Demenz, die Jugend von heute, die nicht weiß, wie man guten Journalismus macht. Vom Bundestagspräsidenten bis zum (Ex-)Zeitungsmacher sehnen sich viele nach früher. Richtig daran ist: Die Zeiten waren geschäftlich rosiger, als die Anzeigenabteilung morgens nur entscheiden musste, für welche der Buchungen, die aus dem Fax quollen, kein Platz mehr ist im Blatt. Heute ist der Spardruck groß, die Teams sind kleiner.
Aber das bedeutet doch nicht, dass unsere Redaktionen oder der Journalismus schlechter geworden wären! Moderne Redaktionen machen Print, Webseiten, Videos und Apps, entwickeln neue Produkte – wir gehören doch längst selbst zu den Menschen, die Smartphones in die Bahn mitnehmen statt Zeitungen.
4. Das Geld
Im Umbruch, in der Krise, gegen den unlauteren Wettbewerb gebührenfinanzierter Konkurrenz teilen alle in den Pressehäusern miteinander das große Problem: Nicht der Journalismus wankt, sondern das Geschäftsmodell, das ihn sichert. Nur Ignoranten kann das wurscht sein. Wenn das Modell freie Presse stirbt, dann stirbt es nicht nur Print oder Digital. Die Lücke ist größer. Rechercheure wie bei der WAZ, die in wochenlanger Kleinarbeit die von den Behörden verheimlichten Kosten der Zeche Zollverein ausrechnen, werden fehlen. Korrespondenten, die in Afghanistan ihr Leben riskieren; Reporter, die in einem tosenden Stadion mit dem Schlusspfiff den Spielbericht fertig haben; Redakteure, die aus dem unerschöpflichen Informationsfluss nach möglichst objektiven Kriterien das auswählen, das sich zu wissen, zu erklären, zu kommentieren lohnt.
Blogs und andere, neue Formen des unabhängigen Journalismus bereichern und haben die Zahl der Informationsquellen erweitert. Aber sie stehen selbst da, wo sie nicht ohnehin ein Hobby sind oder auf Selbstausbeutung beruhen, auf wackeligen Beinen. Ohne das Geld, das die Macher von tollen Seiten wie den Ruhrbaronen als Freie bei klassischen Medien verdienen, sähe es für sie düster aus. Beim zweiten teuren Rechtsstreit sowieso. Ohne Infrastruktur, ohne Profis, die Geld hereinholen, ohne Anwälte, ohne Verlage, um das böse V-Wort mal zu nennen, ist unabhängiger Journalismus zumindest im Großen nicht denkbar. Es gibt das Ei nicht ohne Henne und keine Henne ohne Ei. So wie die Nichtwähler erst in der Diktatur merken, dass sie lieber wählen würden, werden viele Konsumenten einen Journalismus, auf dem nicht der Stempel einer Partei, einer NGO, eines Konzerns oder des Staates prangt, vielleicht erst vermissen, wenn er nicht mehr finanzierbar ist.
5. Die Ansprüche
Der Verweis auf finstere Zeiten hilft keinem und Gejammer ist nicht sexy. Umso verstörender ist, dass jene, die sich anstrengen, aus der eigenen Zunft oder von bloggenden Besserwissern am meisten vor den Koffer bekommen.
Wenn Verlage Zeitungsseiten per PDF aufs Tablet bringen, werden sie von Beratern und Medienprofis ausgelacht, weil sie den digitalen Wandel nicht verstanden haben. Wenn sie stattdessen eine multimediale Zeitung erfinden, höhnen dieselben Berater und Medienprofis über die hohen Kosten. Alle können herunterbeten, wie dämlich es war, Journalismus kostenlos ins Netz zu stellen. Nehmen Verlage jedoch Geld, dann erklären dieselben Leute, warum Bezahlschranken ein Irrweg sind. Der Ruf nach Leistungsschutzrechten beweist nur, dass Verlage Abzocker sind. Ignorieren wir das Userinteresse, sind wir die Holzmedium-Versager. Arbeiten wir mit Suchmaschinenoptimierung nach Klickzahlen, dann entlarvt uns ein gebührenschlauer Investigativreporter als Totengräber des Journalismus, denen es um Quoten, Klicks und Kohle geht. So werden Debatten geführt, mit Schaum vorm Mund und oft zur Selbstbefriedigung.
6. Die Arroganz
Es gibt im Journalismus so eine seltsame Haltung, die das meiste, was wir tun, selbst geringschätzt. Vielleicht sollten wir mal wieder runterkommen von den Fiktionen, die Recherche-Netzwerker predigen. Nicht jeder kann und soll ein Bob Woodward sein und wertvoller Journalismus ist nicht nur die „Neue-Heimat“-Enthüllungsstory im „Spiegel“. Wir Journalisten sind nicht dazu da, das Klima zu retten oder den Reichtum umzuverteilen. Wer das will, soll zu Greenpeace gehen, aber nicht in eine Redaktion. Und wer das Lokale, das Kleine und die Unterhaltung geringschätzt, nimmt am Ende die entscheidenden Menschen nicht ernst, die uns bezahlen sollen: User, Leser, Kunden. Davon gibt es immer noch Millionen. Und es gibt Millionen, die wir gewinnen können.
Ich kenne, wenn überhaupt, nur einen Weg aus der Krise, und der besteht nicht aus Jammern oder Anklagen, sondern aus Fortschritt, aus Weiterentwicklung, aus Kreativität. Egal auf welchem Medium. Unter dem Zeitdruck, der dazu gehört, dem Kostendruck, der nicht mehr nachlässt – in der Hoffnung, dass auch gute Zeiten noch vor uns liegen.

2. Dezember 2012 um 23:54 Uhr
Was soll das bitte sein? Eine Argumentation für den Standpunkt, daß die Realität gemein ist?
All diese Argumente laufen doch ins Leere. Tagesaktueller Printjournalismus ist nicht zu retten.
2. Dezember 2012 um 17:51 Uhr
Kann man denn nicht einfach mal recherchieren, wie andere im Web Geld verdienen?
Ich glaube schon, dass Steve Jobs einen Weg für Qualitätsjournalismus gefunden hätte.
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30. November 2012 um 00:33 Uhr
Ja, aber wer sagt, dass Journalisten mehr als 1.400 Euro verdienen müssen? Vielleicht sollten sie einfach ideologischer werden und andere Agenden entwickeln? Ich habe den Eindruck, dass die “taz”-Mitarbeiter paradoxerweise ruhiger schlafen können als viele Journalisten des kommerziellen Sektors. Oder?
Und was “profitabel” heißt, ist auch Ansichtssache. Zweistellige Renditen sind kein Muss. Branchen ändern sich halt.
Vielleicht muss sich vieles einfach viel grundsätzlicher ändern, das meine ich. Mehr Genossenschaftsmodelle, keine dogmatische publizistische “Neutralität” mehr. Zum Beispiel.
29. November 2012 um 14:12 Uhr
Was für eine Frankfurter Rundschau? Steht die nicht kurz vor dem Tod?
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29. November 2012 um 09:22 Uhr
Sie haben in Erinnerung gerufen, was in all dem Schirrmacher-Trubel gern übersehen wird: Nicht wenige Zeitungen machen in der Tat einen hervorragenden Job, decken Missstände auf und nehmen den Wandel an. DAS gehörte viel, viel deutlicher ins öffentliche Bewusstsein. Danke für diesen Beitrag!
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28. November 2012 um 12:32 Uhr
Super! So isses!
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27. November 2012 um 17:59 Uhr
Ein gelungener Beitrag!
27. November 2012 um 17:04 Uhr
Ein kleiner Denkanstoß: Vielen hier angesprochene Diskussionen bzw. Problemen müssen sich die Macher der “taz” nicht stellen. Wie kommt das?
Mich wundert es, wie viel Geld tatsächlich aus den Zeitungsverlagen an die Inhaber zurückfließt, und wie wenig neu investiert wird. Hört man unter der Hand von Renditen großer Zeitungsverlage, wundern einen die Sparrunde doch sehr.
Ich habe oft leider den Eindruck, dass die Inhaber den eigenen Verlag ohne zu zögern gegen einen Wohnkomplex in Berlin-Hellersdorf oder München-Schwabing eintauschen würden. Weil sie selbst nicht mehr an das Geschäftsmodell glauben und an die Branche erst recht nicht mehr. Weil sie die herausgewachsene Generation sind und vor allem ein nettes Leben mit dicker Rendite wollen.
Ist doch so, oder?
27. November 2012 um 18:46 Uhr
@Peter Mechowiscz. Erstens muss sich die taz solchen Problemem auch stellen – die Rettungskampagnen sind ja durchaus regelmäßig. Zweitens: Wissen Sie, was taz-Redakteure verdienen? Drittens hat die taz keine Druckerei und damit auch nicht den technischen Investitionsbedarf, den große Verlage haben. Ohne eine gewisse Rendite kann man in einem großen Laden nicht mehr investieren, es ist in der Regel nicht so, dass sich die Eigentümer den ganzen Gewinn einstecken.